Carlos Marighela - Handbuch des Stadtguerillero

Hintergründe zu Carlos Marighela`s Handbuch des Stadtguerillero

Das "Handbuch des Stadtguerillero" ist ein wichtiger Hintergrundtext für das Verständnis der Diskussionen der militanten Linken ab 1968. Marighela schrieb in diesem Handbuch wenige Monate vor seiner Ermordung seine Erfahrungen aus der zweijährigen Praxis des bewaffneten Kampfes in Brasilien nieder. Er richtet dieses Handbuch über Wesen, Taktik und Ziele des bewaffneten Kampfes an die Revolutionäre in aller Welt.
Vermutlich keine zweite Schrift hatte für die Herausbildung auch der europäischen Stadtguerilla und damit auch ihrer Folgeentwicklungen eine ähnliche Bedeutung wie diese. So liegt mit dem "Handbuch des Stadtguerillero" nun wieder so etwas wie der Grundlagentext der Stadtguerilla vor, der es auch erlaubt, Entwicklungslinien nachzuvollziehen und Vergleiche mit dem "Hier und jetzt" anzustellen.
Über Carlos Marighela
Über die Biographie Marighelas vor den 60er Jahren scheint wenig bekannt zu sein; zumindest die deutschsprachigen Archive geben hierzu nicht viel her. Anfang der 60er Jahre machte Marighela dann eine steile politische Karriere bei der brasilianischen kommunistischen Partei. 1966 oder 1967 hier gibt es unterschiedliche Angaben trat Marighela dann aus der Partei aus, der er ihre strikte Ablehnung des bewaffneten Kampfes, Verbürgerlichung und Verknöcherung vorwarf.
Marighela gründete dann die VPR (Revolutionäre Volksvorhut), die die wichtigste Gruppe des bewaffneten Kampfes in Brasilien wurde. Die Zahl der Aktionen, an denen Marighela selbst beteiligt war, ist beträchtlich, wenn auch sicher niemals mehr genau zu ermitteln. Eine der spektakulärsten Aktionen war die Entführung des US-Botschafters Charles Burke Elbrick in Rio de Janeiro am 4. September 1969. Dieser wurde dann, nach Erfüllung der Forderungen an die Regierung, daß diese ein Manifest der Guerilleros verbreiten und 15 namentlich genannte politische Gefangene nach Mexiko entlassen sollte, wieder freigelassen. Neben solchen sehr öffentlichkeitswirksamen Aktionen wurden von den Guerilleros Banken überfallen über 200 allein zwischen 1968 und 1970, nicht zuletzt, um den Guerillakampf zu finanzieren, Radiostationen und öffentliche Gebäude
besetzt, Kasernen und Polizeistationen angegriffen, Züge blockiert usw. Im Klima von Repression und Unterdrückung erschien die Tätigkeit in der Guerilla vielen Aktivisten eben auch als einzige mögliche Alternative zum herrschenden Regime. Nachdem Marighela, der als ideologischer Begründer der lateinamerikanischen Stadtguerilla gilt, im November 1969 von der Polizei bei Sao Paulo in einen Hinterhalt gelockt und erschossen wurde, wurde es auch um die brasilianische Stadtguerilla ruhiger. Zwei Jahre später wurde auch sein Nachfolger Carlos Lamarca von der Polizei erschossen. In der Folge gingen die Aktivitäten der Guerilleros dann nochmals deutlich zurück, wenn sie auch längst noch nicht völlig aufhörten.
Über diesen Text
Carlos Marighela hat dieses ursprünglich als "Handbuch der Guerilleros von Sao Paulo", betitelte »Minihandbuch« im Juni 1969 als Zusammenfassung seinen eigenen, zweijährigen Erfahrungen im bewaffneten Kampf geschrieben und als eine Art, "taktische Gebrauchsanweisung" für die Revolutionäre in aller Welt abgefaßt. Die Betonung in diesem Heft liegt auf "Stadtguerilla": Marighela hat immer verfochten, daß der Kampf dort beginnen müsse, wo Aktionen die Regierung am stärksten verunsichern und die größte Publizität erlangen, dort, wo die Finanzzentren liegen und die Fassaden der Macht konzentriert sind in den Metropolen. Gegenüber der zuvor von Che Guevara propagierten und praktizierten ländlich orientierten Guerilla, müsse dem Kampf in der Stadt Priorität eingeräumt werden. Erst wenn dort die Basis der Guerilla breit genug sei, sei eine Ausdehnung der Kämpfe auf das Land sinnvoll. Deutlicher noch als Marighela haben die uruguayischen Tupamaros dieses Konzept in die Tat umgesetzt. Die Erstveröffentlichung des Handbuchs erfolgte in Havanna/Kuba. Noch im selben Jahr wurde der Text von den »Editions du Seull« unter dem Titel "Pour la Liberation du Brasil" als Teil einer Broschüre publiziert und prompt verboten. 23 Verlage entschließen sich daraufhin aus Protest zu einer Gemeinschaftsausgabe.
Im Juni 1970 erscheint in der Berliner Zeitschrift, "Sozialistische Politik" die erste deutsche Übersetzung. Ab Herbst 1970 zirkuliert ein Nachdruck, der in der Folge zum beliebten Objekt für Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen wird. Im April 1971 bringt der Rowohlt Verlag den Text unter dem Titel "Zerschlagt die Wohlstandsinseln der 3.Weit" als Taschenbuch heraus. Diese Ausgabe bleibt unbehelligt, allerdings beläßt der Verlag es auch bei dieser einen, bald vergriffenen Auflage. Erst ab 1983 ist dieser Text dann fast ununterbrochen erhältlich, ohne in den letzten Jahren dann nochmals zum Objekt von Beschlagnahmungen geworden zu sein.
Über den brasilianischen Hintergrund
1964 übernahm in Brasilien das Militär die Macht, allerdings blieb das, Parlament zunächst bestehen wenn auch eher formell, da der Präsident zugleich mit quasidiktatorischen Vollmachten ausgestattet wurde. 1965 wurden die bestehenden 13 Parteien aufgelöst und durch ein staatlich konstruiertes Zweiparteiensystem ersetzt. Ab 1968 wurde dann das Parlament "auf unabsehbare Zeit" beurlaubt, womit auch die letzte (schein) demokratische Fassade fiel. Spätestens ab 1968/69 herrschte dann der blanke Terror: "Geheimpolizei, militärische Sicherheitsdienste und Spezialeinheiten hatten damit begonnen, systematisch Jagd auf Linksoppositionelle zu machen. Priester, die das soziale Elend Brasiliens anklagten, Studenten, Intellektuelle und Arbeiter wurden erst wahllos, dann jedoch immer systematischer verhaftet, wobei sich die fast wissenschaftliche Folterungen schnell zum wichtigsten Untersuchungsinstrument der politischen Polizei entwickelte. Eine politische Repression, die in Lateinamerika nur noch von den Militärs in Chile übertroffen wird, hat das Land in einen beispiellosen Terror gestürzt" (Wolf Grabendorff: Lateinamerika wohin? DTV, München 2. Aufl. 1974, S 53). Mehrere Berichte von Amnesty International berichten ausführlich über das Ausmaß und die Praktiken dieser Verfolgung (für den hier behandelten Zeitraum vgl. Johannes Maria Brune: Diktatur und Folter in Brasilien, Patmos Verlag, Düsseldorf 1971). Als Reaktion auf diese Repression erfolgt in Brasilien die Gründung der Stadtguerilla.
Als eines der Hauptangriffsziele der Stadtguerilla werden im vorliegenden Text immer wieder US-Einrichtungen und Spione genannt. Es darf nicht verwundern, daß die USA und ihre Botschafter, Konzerne und Agenten ganz oben auf der Liste der Feindbilder standen. Die USA betrachten Lateinamerika ja schon traditionell als Rohstofflieferanten, als (Test)-Feld für politische Manöver und militärische Expeditionen. Die brasilianische Militärregierung verkaufte sich politisch wie ökonomisch an die USA wodurch wiederum die USA gleichzeitig Nutznießer wie Stabilisatoren der »sicheren Verhältnisse«, d. h. des Militärregimes wurden. Bereits 1963 betrug der Anteil des US-amerikanischen Kapitals in der brasilianischen Automobilindustrie über 90%. In Branchen, wo dieser Anteil vor 1964 niedriger lag, erhöhte er sich anschließend meist kräftig. Nach den USA wurde die BRD zweitwichtigster "Handelspartner" des vom Militär regierten Landes. Marighela erwähnt die BRD zwar nicht explizit, doch die Guerilleros trugen dieser Bedeutung der BRD für die brasilianischen Militärs auf ihre Weise Rechnung und entführten 1970, nach Marighelas Tod, den deutschen Botschafter v. Holleben. Der äußere Hauptfeind blieben gleichwohl die USA, auch aufgrund des Hegemonialanspruches der USA für die gesamte Region. Diesem Anspruch zufolge ist jede emanzipatorische Bewegung in Lateinamerika ein Angriff auf das US-Sicherheitsverständnis und damit eine ideologische Kriegserklärung.
Was das bedeutet, dürfte den Guerilleros deutlich vor Augen gewesen sein, hatten die USA ihre Interventionsgelüste doch 1954 in Guatemala und 196i in Kuba (Schweinebucht) unter Beweis gestellt. So war jedenfalls klar, das es von progressiver Seite aus kein tragfähiges, auch nur halbwegs gleichberechtigtes Arrangement mit den USA geben konnte. Jede emanzipatorische Bewegung in Lateinamerika mußte davon ausgehen, neben der jeweiligen Regierung auch die USA gegen sich zu haben.
Daß es von Seiten der USA bzw. ihrer Geheimdienste dies bezüglich bis heute wenig Skrupel gibt, zeigt auch ein in den 80er Jahren für Nicaragua herausgegebener CIA-Leitfaden, in dem unter dem Titel "Psychological Operationsin GuerillaWarfare" ausdrücklich in Betracht gezogen wird, zwecks Einschüchterung der Bevölkerung Sandinistenführer zu ermorden (Gregory Troveston: Top Secret Geheime Operationen und ihre politischen Auswirkungen. Verlag Bonn aktuell, Stuttgart 1988, S.161)

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